Kinder, Sterne und die Liebe

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Und jeden Morgen geht die Sonne auf

Als Enkeltochter Mia zum allerersten Mal mit der Endlichkeit des Erdenlebens konfrontiert wird ist sie gerade vier Jahre alt. Da verabschiedet sich ihre „Urmi“, meine Mama, und sie will wissen, wo sie jetzt ist. „Die Urmi ist wieder ein Stern geworden,“ erkläre ich ihr, weil auch mir diese Vorstellung tröstlich erscheint, und wir gehen zusammen auf die Terrasse und schauen in den klaren Abendhimmel. Dann deutet ihr kleines Zeigefingerchen auf einen besonders hell leuchtenden Stern und sie fragt: „Omi, meinst du sie ist da?“ „Kann gut sein,“ antworte ich und dann stehen wir, Hand in Hand, und schauen und vertrauen. Später basteln wir Sterne, ganz viele, mit guten Wünschen drauf, damit wir sie der Urmi noch mit auf den Weg geben können. Je mehr geliebte Wesen sie loslassen muss, um so mehr Sterne findet sie abends am Firmament und um so klarer ist ihr, dass alle irgendwann geboren werden und alle und alles irgendwann stirbt. Die Zeit dazwischen nennen wir Leben.

Mittlerweile ist auch die andere Uroma ein Stern geworden. Und Tia, der geliebte Hund, die Schildkröten, die Minzekatze, ein kleiner Siebenschläfer und auch zwei Sternenkinder von Freunden bedenkt sie, wenn sie abends in den Himmel schaut. Am allerliebsten hat sie es wolkenlos. Als sie so runde sieben ist, da fährt sie mit ihrer Mama im Auto und ist auf einmal ganz bedrückt. Marie fragt: „Was ist los mit dir, Schatz?“ „Ach Mama,“ antwortet Mia, „da kannst du mir nicht helfen.“ Und dann seufzt sie ganz schwer. Marie lässt nicht locker. „Vielleicht kann ich dir tatsächlich nicht helfen, aber es kann gut sein, dass es dir besser geht, wenn du deine Sorgen mit mir teilst…“. Schweigen im Auto. Und dann brechen Tränen aus ihr heraus und sie schluchzt: „Mama, ich wünsch mir, dass keine Wolken mehr am Himmel sind. Nie wieder! Damit ich nachts immer alle Sterne sehen kann!“ Da hält die Mama an, nimmt ihr Kind in die Arme und die zwei weinen eine Weile gemeinsam über all die fern-geliebten Wesen, die auf diesen Sternen wohnen.

Ein paar Tage später sitzen wir wieder beinander, Mia und ich. Zufrieden teilt sie ihre neueste Entdeckung mit mir: “Weißt du, Omi, wenn ich keine Sterne sehe, isses auch nicht schlimm. Weil alle, die ich lieb hab, sind immer hier drin.” Und dabei tippt sie sich strahlend auf’s Herz…

 

 

7 Kommentare zu Kinder, Sterne und die Liebe

  1. So schön! Danke Gabi!

  2. Chandra - Christine // 25. Dezember 2015 um 10:48 // Antworten

    Diese Geschichte ist wirklich sehr berührend ! Da kommen auch mir die Tränen ! Ja,die Sterne spenden Trost !

  3. Wunderschön

  4. Du kannst nicht aufhören zu schreiben und ich kann nicht aufhören zu lesen …
    immer wieder berührend

  5. Oh nein, das ist zum Weinen schön! Kinder sind doch etwas so Wunderbares und sie haben noch den Blick fürs Wesentliche! ❤️❤️❤️ Liebste Grüße an Dich, Deine Marie und das hinreißende Enkelkind

  6. Ein kleines Tränchen rollt mir gerade über die Wange. Wie schön und so tröstlich. Ich weiß nicht, was nach dem Tod kommt, aber auch ich stehe oft nachts auf der Terrasse und schaue in die Sterne.
    Liebe Grüße
    Karin

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