Solidarität und die Flucht nach vorn

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Nähe, Anteilnahme, finanzielle Unterstützung und Perspektiven tun Not. Für zahllose Menschen jedweden Alters und in unterschiedlichsten Lebenssituationen. Es brennt an allen Ecken und Enden. Doch echtes Mitfühlen ist unmöglich, wenn wir nicht wirklich voneinander wissen und Mitmenschen lediglich unter plakativen Oberbegriffen vorsortieren: Risikogruppe, Soloselbstständige, Freiberufler, Künstler, Pflegepersonal, Gastronomen, Alleinerziehende, Hartz 4 Bezieher … Die Begriffe an sich machen nichts mit uns, solange sie nicht an fühlbare Lebensgeschichten geknüpft sind. Ich bin eine, die sich vor Corona als Freie Autorin, Rednerin, Künstlerin durchaus ernähren konnte und mit wachsender Vorfreude auf all die Buchungen des Jahres 2020 blickte. Bis Mitte März eine Pandemie unsere Welt veränderte.

Tatsächlich war es Mut der Verzweiflung, der mich Ende 2020 mit einer Bitte um private, solidarische Unterstützung in sozialen Medien zur Flucht nach vorne trieb. Längst weiß ich: Der Schritt, den ich getan habe, ging in die richtige Richtung. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Erstens folgte direkt eine Welle der Hilfsbereitschaft, zweitens teilten mir dadurch zahllose Menschen ihre eigene Lebenssituation mit, wodurch auch ich die Chance bekam Anteil zu nehmen, drittens brachte uns all das einander näher. Teilen und Anteil nehmen – genau das ist Solidarität. 

Das Gegenteil von Solidarität ist Konkurrenz. Das Gegenteil von Vertrauen ist Misstrauen. Wir alle haben es zugelassen, dass sich Konkurrenz, Misstrauen, rücksichtsloser Eigennutz auf unserem Planeten krebsgeschwürartig verbreiten konnten. Vielleicht braucht es Notsituationen, um zu erkennen, dass es auch anders geht, wenn es anders gehen muss. Theoretisch sitzen wir alle in einem Boot. Tatsächlich aber sind wir es gewohnt in unseren kleinen Nussschalen durch wilde Wogen zu taumeln und zu versuchen uns irgendwie über Wasser zu halten. Denn wie’s in uns drinnen aussieht geht keinen was an. Offenheit könnte angreifbar machen, verletzbar vielleicht…

Dieses Tabu habe ich mit einer Veröffentlichung gebrochen und ehrlich geschildert, wie die aktuelle Situation in meinem/unsrem Fall aussah und wovon ich träumte: 

“Im zweiten Lockdown des Jahres, der mich als Freiberuflerin daran hindert meine Arbeit so zu tun, dass sie uns ernähren kann, sucht mein Hirn nach Wegen aus existenzieller Bedrohung. Hartz 4 ist keiner. 75 % meines Umsatzes aus November 2019 als Überbrückung könnten maximal die Löcher eines Monats stopfen. Ein Teilzeit-Job wäre schön, doch meine Bewerbungen laufen ins Leere. Entweder bin ich zu alt, überqualifiziert oder nicht spezifisch gebildet genug. Ich erdenke alternative Angebote, wie die Menschengedenken-Hörgeschichten, doch die Auftragslage ist noch sehr verhalten. Und so träume ich von einer Art „Bedingungslosem Grundeinkommen“ bis der Corona-Spuk vorüber ist. Allerdings keinem, dass von Bundesebene gewährt wird, denn mit einer Umsetzung ist zu meinen Lebzeiten kaum zu rechnen, sondern von einer privat finanzierten, solidarischen Unterstützung. Dieser Traum nimmt Formen an und jetzt wage ich ihn mit Euch zu teilen: Wenn es 150 Menschen aus meinem/unseren Freundes- und Bekanntenkreis möglich wäre ein Jahr lang 10 Euro monatlich auf unser Konto zu überweisen, dann würde es mühelos für ein Grundeinkommen reichen, dass unsere Fixkosten deckt, damit den existenziellen Druck rausnimmt und mir den Rücken freihält, um meine Arbeit als Lebenserzählerin unter neuen Gegebenheiten weiter voranzubringen. Vielleicht können Träume ja doch wahr werden…”

“Ich bewundere deinen Mut…”, “Ich kann zwar nur fünf Euro, aber die geb’ ich gern…”, “Du hättest mich auch nicht-öffentlich fragen können. Geld ist unterwegs…”, “Erst dachte ich ja du machst dich komplett nackig, doch dann fand ich’s stark…” “Nicht alleine stehen war immer wichtig und wird es vermehrt sein…” “Respekt vor deiner beherzten Offenheit“… Diese und viele andere berührende Reaktionen erreichten mich nach meinem ersten Aufruf. Ich musste keinen Weiterbewilligungsantrag beim Jobcenter stellen. Dank privater, solidarischer Unterstützung, die innerhalb kürzester Zeit die Summe deckte, die mir als Hartz 4 bewilligt wurde! Dieses Geld stand somit anderen zur Verfügung. Jenen, die keine andere Wahl hatten! Dank Eurer Unterstützung konnte ich meine Arbeit als Lebenserzählerin fortführen! Und genau das ist schon wieder Glück und so.

Ergänzen möchte ich, dass ich durchaus dankbar bin in einem Land zu leben, dass soziale Netze bietet und in dem sich politische Vertreter Gedanken machen, wie und wo der Staat mittels Steuergeldern unterstützen kann. Doch, wenn es an allen Ecken und Enden brennt, dann brauchen wir mehr als das. Dann brauchen wir Offenheit. Und Solidarität. Und genau die gibt es wirklich… Dafür nochmals ein großes DANKE!

 

Vor sieben Jahren schrieb ich das Lied “Teilen” und produzierte es mit Thomas Lenssen (Gitarre) und Klaus Eichberger (Akkordeon).

Ein Lied für euch

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