Wer fremdelt, sucht andere Orte

Rita Chiappetta und das „Monte Rosa“ in Baden-Baden

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Sie sorgt für "Gastfreude", weil sie liebt, was sie tut: Rita (rechts) mit Valerio und Teresa.

Sie sorgt für „Gastfreude“, weil sie liebt, was sie tut: Rita (rechts) mit Valerio und Teresa.

Menschen, die willkommen heißen, die keine Unterschiede machen zwischen Gästen, die offensichtlich gut betucht sind oder solchen, die ebenso offensichtlich wenig besitzen, die schätze ich besonders. So ein Mensch ist Rita. Seit 13 Jahren läuft die Pizzeria Monte Rosa in Baden-Baden als Familienunternehmen unter ihrer Leitung. Werbung tut schon lange nicht mehr not, denn der Laden ist regelmäßig rappelvoll. Das Leben hat ihr Schicksalsschläge nicht erspart, doch das Leuchten in ihren Augen, das Strahlen in ihrem Gesicht, ihre Freude daran, Gästen jedweder Couleur einen rundum angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen, hat sie nie verloren.
Nirgendwo sonst in dieser kleinen Weltstadt an der Oos sind mir bisher soviele unterschiedliche Menschen auf engstem Raum begegnet wie hier. Wer fremdelt, sucht andere Orte. Bei Rita kommt man sich näher. Wenn ich in Baden-Baden bin, ist ein Besuch bei ihr immer ein bißchen wie heimkommen. Und das geht nicht nur mir so. Rita umarmt, nimmt an, interessiert sich für das, was passiert im Leben ihrer Gäste.
Mich interessiert ihr Leben, das selten so ganz und gar privat ist. Eine Weile macht sie Yoga als Ausgleich zum geliebten, aber anstrengenden Beruf. Neuerdings freut sie sich über einen Garten, in dem sie Auberginen, Zucchini und Salat beim Wachsen zuschaut und präsentiert mir die Pracht stolz auf Fotos. Vor drei Jahren feiern wir gemeinsam zehn Jahre Monte Rosa, tanzen und singen „Volare“. Unser gemeinsames Lieblingslied vom Fliegen in azurblauem Himmel. Eineinhalb Jahre später verunglückt ihr Mann Agostino. Flugzeugabsturz. Der Schock sitzt tief. Sie trauert. Und sie arbeitet. Weil der Laden weiterlaufen muss.
Die Verantwortung für Gäste und Team lenkt sie ab. Service, Einkauf, Buchhaltung, der Koch fällt aus – keine Zeit für Traurigkeit, obwohl sie leidet und wochenlang wie ein Roboter funktioniert. „Mir geht es besser“, sagt sie. „Vergessen kann ich nicht.“ Was hilft ist der Familienzusammenhalt. Schwester, Schwager, Nichten und Neffen, die den Teamgeist im Monte Rosa mit ihr leben – sie unterstützen sich gegenseitig. Es sei Glück eine solche Familie zu haben, hier und genauso in Kalabrien und in Rom. „Wenn ich morgens aufwache und auf meinem Handy eine liebevolle SMS entdecke oder einer von ihnen ruft mich an, einfach nur um mir zu sagen, dass ich geliebt bin, das tut gut und gibt mir Kraft den neuen Tag zu bestehen“.
Ihre Schwester Pina und ihr Schwager Giovanni machen sich als erste auf nach Deutschland, weil die existenziellen Perspektiven in Kalabrien Anfang der 80er Jahre äußerst übersichtlich sind. Sie finden Arbeit in Baden-Baden, gründen eine Familie, drei Kinder werden hier geboren und Rita besucht sie. „Ich hab‘ keine Arbeit gesucht, aber gefunden, dass es hier schön ist. Besonders in Baden-Baden. In einer größeren Stadt hätte ich mich verloren gefühlt. Aber hier ist alles überschaubar. Das gefällt mir.“ In der Lichtentaler Straße 67b entdeckt sie ein leerstehendes Café, spricht mit ihrer Familie, entscheidet den Laden anzumieten und die Pizzeria Monte Rosa zu eröffnen.
Immer wieder dienstags und außerdem sechs Wochen im Jahr ist geschlossen. Nicht am Stück, aber auf alle Fälle regelmäßig im August. Da zieht es den Clan in heimatliche Gefilde nach Falconara Albanese in Kalabrien. „Dort genieß‘ ich die Freiheit tun zu können was und wann ich will.“ Kann sein, sie liegt am Strand mit Blick auf den „schlafenden Mann“, einen Gebirgszug, den man bei klarem Wetter deutlich erkennen kann. Kann sein, sie erntet mit Mama Berge von Tomaten und schnippelt im trauten Kreis – auf das im traditionellen, gusseisernen Topf überm offenen Feuer der Tomatensaucenvorrat fürs nächste Jahr eingekocht werden kann. Hier tankt sie auf und strahlt mit der Sonne und den Gästen um die Wette, wenn sie die Tür zum Monte Rosa wieder öffnet.
„Sowas kannst du nur ganz oder gar nicht machen. Selbständigkeit hat mit 8-Stunden-Tag nix zu tun. Du bist auf vielen Ebenen gefordert, und das, was man Freizeit nennt, hat Seltenheitswert. So eine Aufgabe musst du wirklich wollen“. Rita Chiappetta will – und am allermeisten glückliche Gäste.
„Grundsätzlich liebe ich meine Arbeit. Das mache ich mit Bauchgefühl. Ich hab‘ mir gewünscht, dass jeder Mensch, der hier rein kommt, sich wohlfühlt. Und ehrlich: Es macht mich froh zu erleben, dass so viele Menschen mir widerspiegeln, dass mein Wunsch in Erfüllung gegangen ist“.
Freitags ist übrigens recht regelmäßig Mami-Papi-Kinder-Treffen im Monte Rosa. Die Zwerge müssen nicht zum Mitkommen überredet werden. O-Ton eines Zweijährigen, als Mama sagt, wo sie heute abend hingehen: „Oh Mama, ich liebe da!“ Das unterschreibe ich. Mir geht es genauso. Von Herzen Danke dafür…

5 Kommentare zu Wer fremdelt, sucht andere Orte

  1. Ihr lieben Leserinnen und Leser dieses Artikels,
    jetzt ist es mir wirklich ein echtes Herzensanliegen Euch für Eure durchweg positive Resonanz auf Facebook, via Mail und persönlich bei Rita zu danken! Auf diese Weise vermehren sich Glücksgefühle und wir kommen uns näher, wie gut ist das denn!!! Sowohl für Rita, als auch für mich ist Eure Anteilnahme Balsam für die Seele und stärkt uns darin, die zu sein, die wir sind. Alles Liebe für Euch
    Von Herzen
    Gabi Saler

  2. Sehr authentischer Beitrag. Wer Rita kennt, sagt: Ja genau so ist Rita und Ihr Lokal.
    Und wer Sie nicht kennt, sollte schnell versuchen Sie und Ihr Lokal kennen zu lernen.
    Schön das Frau Saler Ihr dieses „Denkmal“ gesetzt hat.

    • Danke Herr Schläger! Letztlich hat erst die Resonanz so vieler Menschen via Facebook meine Geschichte zu diesem „Denkmal“ gemacht. Freu mich von Herzen, wenn es uns gemeinsam gelingt noch viel mehr solcher „Denkmäler“ in die Welt zu setzen :-) :-) :-)

  3. „Monte Rosa“??? Ich habe die drei Fragezeichen mitgesprochen, in dem ich zu Thomas sage „… Monte Roooosa …“. Mein alter Freund Thomas schlägt dieses dunkle Zwischending von Pizzeria und Eisdiele tatsächlich als Treffpunkt für ein Abendessen vor. So war das Monte Rosa in meiner Erinnerung in den 70er Jahren. Jetzt ist aber 2015 und ich sitze mit Thomas im Monte Rosa. Schade, dass ich nur hin und wieder in meiner Heimatstadt bin. Würde ich noch hier wohnen, wäre das Monte ganz sicher einer meiner Topp10.

  4. Da geh ich nächstes Mal hin , macht richtig Lust so stell ich mir ein Restaurant vor. Danke für deinen liebevollen Bericht

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