Woche des rosa Einhorns

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In einem Anflug spielerischer Leichtigkeit habe ich via Facebook am Montagmorgen die vergangene Woche  zur „Woche des rosa Einhorns“ erklärt. Weil ich so schöne Bauwagendetailfotos hatte, gerade an unsere Freundin Alix dachte, die dieses Zauberwesen dort zu Enkeltochter Mias größter Freude in sattem mädchenlieblingsrosa auf die Vorderfront gepinselt hat, und weil ich dem trüben Grau und all den Dramen um mich herum gern was Buntes gegenüberstellen wollte. Seit Donnerstagabend weiß ich wiedermal, wie sowas wirken kann….

Rosa Einhorn 1

Nach den Sommerferien ist Mia in die Schule gekommen. Da geht sie grundsätzlich gerne hin. Nicht zuletzt deshalb, weil sie jetzt eine eigene Busfahrkarte hat. Allerdings ist die Sache mit den Hausaufgaben ab und an eine echte Herausforderung. Auf dem Stuhl ruhig sitzenbleiben, den Stift richtig halten, noch zwei Seiten im Rechenheft die Sechser und die Siebener üben….Richtig machen. Ruhig bleiben. Aufgaben erledigen müssen. „Mama“, beschwert sie sich, „ich soll zwanzig Mal Sechser in so blöde Kästchen schreiben! Mama, zwanzig Mal!“ Sie kann zählen. Und sie weiß, wie die Zahlen aussehen.
Weil der Donnerstag recht umtriebig war, hat die Zeit zwischen Nachhausekommen und Mittagessen nicht zum Erledigen sämtlicher Hausaufgaben gereicht. Um 15 Uhr Tanzen, danach noch mit Freundin Enya spielen und erst um 18 Uhr wieder daheim. Da war dann eigentlich schon Schluss mit Lustig und nix mehr drin mit „entspannt den Rest der Hausaufgaben machen“.
Es folgt großes Gezeter. „Unser Lehrer hat gesagt, meine Sechser sind nicht schön…“ , schluchzt das Kind. „Außerdem ist mein Turnbeutel weg und ich hab‘ ihn überall gesucht….“, weint es weiter. Und ein Riesen-Elend bricht über sie herein und aus ihr heraus.
Überhaupt nicht zufällig klingle ich genau in diesem Augenblick durch. Will Tochter Marie fragen, ob sie mir morgen Sojamilch mitbringen kann und höre im Hintergrund, was grade so abgeht. „Mama, könntest du vielleicht kurz rüberkommen und mir helfen? Ich weiß grad nimmer wie ich Mia beruhigen soll. Und erst recht nicht, wie wir die Hausaufgaben jetzt noch fertig kriegen.“
Hausaufgaben mit Mia – ein neues Erlebnis für mich. Bisher haben Mama und Kind das allein gemeistert. Wir leben im gleichen Dorf, ich bin zum Glück grad nicht in Baden-Baden, wir sind satt, mein Tagwerk ist vollbracht und ich kann folglich wenige Minuten später an Ort und Stelle sein, Mia auf dem Schoß halten und Tränen trocknen. Sie schüttet ihr Herz aus, ich darf trösten und bin froh, die Zeit dafür zu haben.
Bevor Mia in die Schule kam, war ihr Lieblingsspiel „Du tätst die Lehrerin sein und ich das Schulkind“. Jetzt ist sie ein Schulkind und ich versuche mich daran zu erinnern, was ich als „Lehrerin“ so gemacht habe. Ich taste mich heran. „Die Glitzerblume da an der Wand, die hast du gemalt, stimmt’s?“, erkundige ich mich. Sie nickt stolz und putzt die Nase. „Du bist eine Künstlerin“, stelle ich fest und meine es auch exakt genau so. Ihr Selbstwertpegel steigt. „Willst du mir mal zeigen, was du heute alles lernen durftest?“, frage ich weiter und betone das „durftest“ etwas stärker, in der Hoffnung ihrem freien Willen damit entgegenzukommen und die Flamme der Begeisterung fürs Lernen wieder anzufachen. Zum Glück will sie und zieht mich neben sich an den Esstisch, wo bereits das Rechenheft auf uns wartet. Ich bekomme ein Blatt Papier von ihr, um selbst Sechser üben zu dürfen und wir vergleichen, meine und ihre. Sehen ziemlich genau gleich aus! Fantastisch! Ihre Motivation nimmt zu und sie ordnet an: „Omi, du darfst dich selbst beschäftigen, ich kann das jetzt allein.“ Na dann…schreibt Mia Sechser und Siebener jeweils zwanzig Mal ordentlich in kleine und etwas größere Kästchen, obwohl sie die Aktion eigentlich blöd findet, während ich aus Sechsern ein Mandala male. „Das hast du wirklich toll gemacht,“ lobt sie mich und beschließt das, was ich da grad gemacht hab‘, später selber nochmal in groß zu produzieren und bunt auszumalen. Wir arbeiten quasi Hand in Hand und unser Enkelkind entwickelt sich zur Meisterin in Rationalisierungsmaßnahmen: „Du schreibst die „Ist-Gleiche“ und die „Plusse“ mit Blei untereinander und ich die Zahlen mit Rot und du die mit Blau, aber ich sag dir welche,“ lautet die Anweisung. Irgendwie hab‘ ich’s lieber als Einladung angenommen und mich drauf eingelassen. Wozu ich ja auch gekommen bin….

Rosa Einhorn 2
Eine Stunde später werd‘ ich von Mia, ahnungslos, dass ihre Großmutter diese Woche zur „Woche des rosa Einhorns“ erklärt hat, mit Geschenken überhäuft. Im Komplettpaket mit einer Feder, einer selbstgebastelten Rosskastanienraupe und einem lila Filz-Herz überreicht sie mir ein kleines, rosa Einhorn aus Plastik. Zum Umhängen. „Weil du mich gerettet hast, Omi.“ Danke, rosa Einhorn…

3 Kommentare zu Woche des rosa Einhorns

  1. Toll gelöst, liebe Omi! In emotional warmer Atmosphäre kann man fast alles von Kindern haben … Und als Omi hat man es dann oft leichter, gell! Trotzdem verstehe ich die Kleine: es ist wirklich ziemlich sinnlos, diese Zahlen in Kästchen zu schreiben, wenn man doch so viel Schöneres, Kreativeres damit machen kann und wir seit den sechziger Jahren wissen, dass sinnloses Wiederholen eh nix bringt! Viele lieeb Grüße von mir als Omi und als Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin

  2. Wunderbar…!!!

  3. Wunderbare Geschichte! Lang lebe das Rosa Einhorn! :)

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