Wo „Brot und Spiele“ sich begegnen

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Hedda Henny Humor 2016 neu

Neustadt, Hambach, Weinstraße 279, in scharfer Kurve: ein kleines Theater mit dem wegweisenden Namen  „Theater in der Kurve“. Dessen Leiterin, Hedda Brockmeyer, und das ambitionierte Theaterprogramm, locken mich, drum geh‘ ich hin und auf sie zu, erzähle von meinem Blog und den Portraits über Menschen, die ihr Glück in die Hand nehmen, und frage, wie das denn bei ihr so gelaufen sei. „Kurvenreich!“, strahlt sie mich an und lässt sich – trotz des übervollen Terminkalenders – auf das Stillen meiner Neugier ein.

Ein Totem zur Erinnerung

Wenn’s um Bühne und Theater geht, schreckt Hedda grundsätzlich vor nichts zurück. Weshalb sie mich zuallererst mit „Henny“ bekanntmacht. Einem präparierten Pferdeschädel, den sie selbst beim Metzger holt und drei Tage in der Garage auskocht, weil er für das Stück „Armut, Reichtum, Mensch und Tier“ als Requisite gebraucht wird. „Henny ist sowas wie ein Totem für mich geworden,“ erklärt sie, während ihre Finger zärtlich über die skelettierte Nase streicheln. „Er ist einer, der mich erinnert. An Vergänglichkeit und an vergangene Verletzungen.“ Sie habe gelernt damit umzugehen. Das alte, wie ein Büßerhemd, manchmal anzuziehen, in der Gewissheit, es jederzeit wieder abstreifen zu können.

Lernen wider Willen

Es gibt da einiges in ihrem vergangenen Leben, dass sie gern hinter sich hat – heute aber dennoch sagen kann: „Hat irgendwie Sinn gemacht.“ Selbst der unfreiwillige Amerika-Aufenthalt, für den Mutter und Stiefvater sorgen, als Hedda 16 ist und in erster Liebe entflammt für einen, der den Erziehungsberechtigten doch eher subversiv erscheint. Drei Monate bleibt sie dort, fühlt sich verbannt, leidet an unsäglichem Heimwehschmerz. Was sie – by the way – mitnimmt, sind prima Englischkenntnisse. Die ihr Mitte zwanzig maßgeblich zu einem Ausbildungsplatz als Weinkauffrau im Groß- und Einzelhandel verhelfen.

Theaterträume und andere Wirklichkeiten

Direkt nach dem Abi sammelt Hedda, 1964 in Münster geboren und schon als Kind fasziniert vom Kulissenduft, einschlägige Erfahrungen beim Theaterforum Kreuzberg in Berlin. „Ich hab‘ Klos geputzt, Bühnenbilder gestaltet, für’s richtige Licht gesorgt, mich an die Kasse gesetzt und bin zwischendurch für Schauspieler eingesprungen“, schildert sie den damaligen Alltag. „Heute würde man sagen, ich habe „nichts“ gemacht, weil ich in den Jahren dort keinen dieser achsowichtigen Scheine erwerben konnte. Andererseits hab‘ ich alles, was ich heute wissen muss, um ein eigenes Theater zu leiten, in dieser Zeit gelernt.“ Nach drei Jahren habe ihr der Kreuzberger Theaterintendant vorgerechnet, wieviel Zeit all ihr Tun so in Anspruch nehme. „Selber rechnen konnte ich nicht, weil ich keine Zeit dazu hatte. Aber eins wurde mir klar…ich hatte nichts in der Hand, rödelte wie ein Idiot und war nur noch ein Schatten meiner selbst.“ Zeitgleich nimmt sich ein vertrauter Theater-Kollege das Leben.

Ein „Brotberuf“ muss her!

Zum ersten Mal spürt Hedda die nackte Angst ums Überleben. Deshalb muss ein „Brotberuf“ her. Hilfesuchend wendet sie sich an ihre ältere Schwester. Die hat da was von einer Lehrstelle in den Staatsweingütern Eltville gehört, vermittelt ein Vorstellungsgespräch, das – zu Frau Heddas Glück – in Englisch geführt wird. Kurz drauf zieht sie ins Rheingau und lernt den Rebensaft schätzen. „Ich liebe Wein!“, verkündet die manifestierte Tatkraft mir gegenüber, was mich nicht wundern mag, denn wie sonst hätte sie es schaffen sollen, sich nebenbei noch zur „Deutschen Weinberaterin“ ausbilden zu lassen und beim „Wine and Spirit Education Trust“ eine Zusatzqualifikation zu erwerben.

Wo Brot und Spiele sich begegnen

„Wein sei Dank“ landet Hedda Brockmeyer auch in der Pfalz, beim Weingut Reichsrat von Buhl in Deidesheim. Das erste Pfälzer Weinfest-Erlebnis bleibt ihr unvergessen: „Überall hieß es „Setz dich dazu!, egal, wo ich hinkam. Und man ließ große Gläser kreisen und trank gemeinsam draus!“ Soviel Gemeinsinn in Weinseligkeit ist der herzensoffenen Menschenfrau selten untergekommen und zum ersten Mal spürt sie in der sonnigen Südpfalz eine ganz große Chance auf Zuhause. Der Turboverstärker für’s wachsende Heimatgefühl folgt unverhofft: In einer Kneipe in Neustadt lernt die damals 31-jährige Weinfachfrau eine Laienschauspielerin vom Theaterverein Haßloch kennen, die dringend genauso jemanden wie Hedda sucht – dialektfrei sprechend und mit Bühnenerfahrung. „Diesem Ruf musste ich folgen, obwohl ich Theater eigentlich unter „traumabesetzt“ abgehakt hatte.“ Erst tut sie’s zaghaft, doch dann verliebt sie sich in die Haßlocher Freilichtbühne, das Spielen und – in Heinz Kindler.

„Wir leben für den Augenblick“

1997 kaufen die beiden das Areal in Hambach in der Weinstraßen-Kurve, 1999 heiraten sie ebendort und von Anfang an ist klar: „An diesem Ort soll es Theater und Workshops geben!“ Bis 2008 wird das Haus renoviert. Während Heinz bei der BASF und Hedda in einer Weinhandlung, bei Winzern, in einem Schuhgeschäft und als Kundendienst-Telefonistin das Brot zum Leben verdienen. Dann gründen sie den Theater- und Kulturförderverein Hambach e.V. und legen, gemeinsam mit rührigen Vereinsmitgliedern, ein Jahr drauf den Grundstein für das „Theater in der Kurve“, das für Hedda mittlerweile zum erfüllenden Hauptberuf geworden ist. „Mein allerliebstes Wunschprogramm ist Inszenieren,“ schwärmt sie. „Da bring ich die Fäden zusammen, verwebe Charaktere, Persönlichkeiten, Inhalte…“. Und am allerglücklichsten ist sie, wenn eines ihrer Babies allein läuft: „Als unsere Jugendgruppe neulich ihr selbstgeschriebenes und selbstinszeniertes Stück auf die Bühne brachte, war ich total überwältigt, wie sie umgesetzt haben, was ich an sie weitergeben durfte…“. Jede und Jeder, mit dem sie heute die Liebe zu Bühne und Schauspiel teilen kann, ist ihr ein Geschenk. „Wir, im Theater, leben immer für den Augenblick“, in einer egofreien Zone, fügt sie noch hinzu. Mal mit Kindern, mal mit Jugendlichen, mal mit begeisterten Spielern der Lebenshilfe, mit engagierten Laiengruppen, waschechten Profis und fabelhaften Teamplayern drumherum.

Hedda Brockmeyer Garten 2016

Für Hedda fühlt sich Leben bunt und füllig an. So, wie ihr Garten, den sie im Frühling-Sommer-Herbst voller Hingabe pflegt, sobald sich eine kleine Lücke im straffen Zeitplan auftut. Ansonsten sitzt sie entweder auf ihrem Fahrrad, um zu einer ihrer diversen theaterpädagogischen Auswärts-Wirkungsstätten zu radeln, oder im Büro, um die nächste Spielzeit zu planen, Stücke zu prüfen, rundum zu organisieren. Kann auch sein, sie agiert probenderweise, nimmt sich grad Zeit für reflektierenden Austausch oder bastelt an einem eigenen Programm. Zum Beispiel am „Ohrenvergnüglichen Tafelkonfekt“ – einem musikalischen Lese-Schauspielchen rund um den Wein. Das hat sie gemeinsam mit Andrea Baur als „Duo WunderBARock“ entwickelt. Sich selbst zur allergrößten Freude: Wo sich darin doch ihre Vorlieben auf’s Köstlichste verbinden…

P.S.: Danke für’s Teilhabenlassen, liebe Hedda. Und für das rundumvergnügliche Stillen meiner Neugier beim hauseigenen Zitronenverbenentee ;-).

 

6 Kommentare zu Wo „Brot und Spiele“ sich begegnen

  1. Liebe Gabi,

    wieder einmal ein herrlich feinfühliges, vor Leben strotzendes Porträt.
    Ich habe es mit Freude gelesen.

    Herzliche Grüße
    San

    • Ein Mensch teilt seine Geschichte mit mir, ich darf sie schreiben und wiederum teilen und dann kommen solch freudige Botschaften zurück :-) Das ist schon wieder Glückundso! Danke, liebe San!

  2. Theaterluft schnuppern, obwohl „traumabesetzt“ – ohrenvergnügliches Tafelkonfekt – ich bin begeistert. Ein Potpouri an „Leben“
    Es ist wieder einmal nur wunderbar, zu erfahren, was für tolle Menschen es gibt. Glück und so ! eben…

  3. Ein kurvenreiches Leben intelligent und warmherzig umrissen. Ein sehr schönes Portrait! Ich darf gelegentlich mit Hedda zusammen arbeiten und schätze sie als Mensch und Theaterfrau. Liebe Grüße. Billy

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