Frauenpower macht Mut zur Offenheit

Spread the love

Caroline Régnard-Mayer

Sie fällt mir beim sozialen Netzwerken auf. Ich stelle eine Freundschaftsanfrage, Caroline Régnard-Mayer nimmt sie an. Ich weiß, dass sie MS hat, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern ist und Bücher schreibt. Auf Fotos strahlt sie Zuversicht aus, sie lacht gern – allen Widrigkeiten des Lebens zum Trotz. Woraus schöpft sie Kraft, was macht ihr Mut und was bedeutet Glück für sie? Letzte Woche sind wir uns in Landau zum ersten Mal persönlich begegnet. „Ich hab‘ dir eins meiner Bücher mitgebracht“, lacht sie.  Titel: „Frauenpower trotz MS“.

Multiple Sklerose – die Krankheit mit den 1000 Gesichtern. Caro, Jahrgang 1965, erhält die niederschmetternde Diagnose im Februar 2004. Zuerst zieht es ihr den Boden unter den Füßen weg. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Scheidung ist gerade über die Bühne, eben denkt sie noch, sie hat ihr neues Leben mit den Kindern im Griff und dann das. Sie funktioniert mechanisch. Fühlt sich gelähmt, am Leben gehindert. Wochen vergehen, ehe sie sich wieder traut mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Dann fängt sie an, sich zu informieren, zu lesen, das erste Mal eine MS-Selbsthilfegruppe zu besuchen.

Ursprünglich hat sie medizinisch-technische Assistentin gelernt, sechs Tage nach der Diagnose tritt sie einen neuen Job an. Vier Monate und ein heftiger Schub später, als klar ist, sie hat MS, wird ihr gekündigt. Mittlerweile weiß sie, dass ein solcher Fulltime-Job ihre Kräfte überschreitet – heute arbeitet sie als Laborhilfe sieben Stunden die Woche, erhält seit 2005 eine Erwerbsminderungsrente. „Zwischendurch hab‘ ich mein Lachen wirklich verloren“, gibt sie zu. Bis Schreiben zur Therapie wird. Ende 2008 erlebt sie einen schweren Schub, ist über Wochen im Pfalzklinikum, hadert mit ihrem Schicksal. Eine Freundin bringt ihr ein kleines Gedichtbändchen mit und beim Lesen des Büchleins zieht Caro zum ersten Mal das „selber Schreiben“ in Erwägung. „Es muss befreiend sein“, denkt sie und dann legt sie los. Ein knappes Jahr später bringt sie über BoD ihr erstes Werk auf den Markt: „Frauenpower trotz MS – aus dem Leben gegriffen“. Ein Jahr später folgt „Frauenpower trotz MS – MS Mein Schicksal“.

Während Caro powert, erkrankt ihr Ex-Mann an einem Hirntumor. Inoperabel. Sie verzeiht, steht ihm bei, geteiltes Leid ist halbes Leid. Erstmal. Doch dann klopft „Mademoiselle“ an ihre Tür. So nennt sie die Depression, die sie als Folge der MS, der Medikamente und all der emotionalen Belastungen heimsucht. „Mit den Begleiterscheinungen der Multiplen Sklerose konnte meine Familie nach und nach umgehen. Aber Depressionen sind so ungreifbar. Das hat viel mehr Angst gemacht…“. Wieder zieht sie sich schreibend am eigenen Schopf, diesmal aus dem dunkelsten aller Sümpfe. Und veröffentlicht ihr nächstes Buch: „Mademoiselle klopft an meine Tür – Der eigene Weg mit der Depression und eine Portion Humor“. Es erscheint 2011.

Ein weiteres Jahr geht ins Land, Caroline Régnard-Mayer ist mittlerweile Vorsitzende der MS Selbsthilfegruppe Landau, und hat das „Enttabuisieren“ ganz und gar für sich entdeckt. „Wenn du nicht mehr so tust, als ob, zu dem stehst, was passiert in deinem Leben, dich mit anderen offen darüber austauschst, dann befreit das ungemein“, weiß sie. „Ich stehe zu dem, was ich schreibe und tabuisiere nichts, auch die vielen negativen Dinge, die die Multiple Sklerose mit sich bringt, die körperlichen Einschränkungen, die Schattenseiten der Depression. Ich will ehrlich sein. Zu mir und zu meinen Lesern“. Diese Ehrlichkeit zu sich und anderen kommt an – Caro schreibt, bloggt, liest, findet damit eine erfüllende Aufgabe und freut sich über die vielen Zuschriften ihrer wachsenden Leserschaft.

Im dritten Teil von „Frauenpower trotz MS“ wird die Krankheit sogar zu ihrer Sonne. „Warum nicht einmal positiv denken?“ , fragt sie sich und ihre Leser, denn über das Akzeptieren und den Kampf dagegen sei sie zu der Erkenntnis gekommen, einfach anders gesund zu sein. Sie entwickelt Dankbarkeit dafür, schreibend ihre Seele aufräumen zu können, endlich das Nein-Sagen ohne schlechtes Gewissen zu beherrschen, Gelassenheit zu empfinden und sich selbst ganz und gar wahrzunehmen. „Heute weiß ich, was mir guttut und was nicht. Ich bin mein Helfersyndrom los und gönne mir meine Auszeiten, wann auch immer.“ Sie habe gelernt im Augenblick zu leben, denn: „Mit so einer Krankheit gewöhnst du dir Zukunftspläne ab!“ Und sie kann genießen. Das gemeinsame Kochen mit den Kindern Sarah (20) und Joel (16), die kleinen Wunder der Natur, die sie mit ihrer Kamera einfängt. Wandern war ihr früher das Liebste, heute erkundet sie die Welt in kleineren Schritten, dafür viel intensiver. Und augenblicklich, was für ein Glück, auch wieder ohne Rollstuhl.

Buch Nummer 9 ist übrigens erst vor wenigen Tagen erschienen: „Mein Liebling, ich muss dir etwas sagen! – Die unsichtbare Blase und ihre nur mit Humor zu ertragenden Allüren“. Sie lacht. „Über Inkontinenz und so…“, das sei nämlich auch eine Begleiterscheinung dieser Krankheit und bringe einen manchmal in äußerst prekäre Situationen. Caro plaudert tabulos aus dem Nähkästchen, bis wir beide Tränen lachen. Wie wundervoll, wohltuend, leicht und befreit. „Immer wenn mir das Leben etwas besonders schwer macht, schreib‘ ich drüber und es wird ein Buch draus“, klärt sie mich auf. Sie liebe den Humor und nehme ihr Leben an, wie es ist: „Mit allem was ich kann, und was ich nicht mehr kann. Ich weiß, dass sich mein Zustand weiter verschlechtern wird, erst in Schüben, dann chronisch progredient. Aber so ist es nun mal. Ich kann alt werden damit.“ Das beruhigt sie. Und die Kinder. Und garantiert: Caro wird weiterschreiben. Danke dafür…

Mehr über Caroline Régnard-Mayer, ihr Leben und ihre Bücher auf:
http://www.frauenpowertrotzms.com/
oder ihrem Blog:
www.caroregm.blogspot.de

5 Kommentare zu Frauenpower macht Mut zur Offenheit

  1. Chandra - Christine // 2. Februar 2016 um 21:03 // Antworten

    Welch eine berührende Geschichte ! Mir fehlen fast die Worte !
    Ein sehr wertvoller Beitrag !

  2. Liebe Gabi,
    es hat so viel Spaß gemacht mit dir zu reden, hat mir auch sehr gut getan. Ein ganz toller Bericht. Du bist klasse!
    Liebe Grüße
    Caro

  3. Doreen Haase-Quente // 3. Februar 2016 um 11:50 // Antworten

    Für die Ehrlichkeit und den Mut so zu schreiben möchte ich herzlich danken. Ich habe in meiner Vergangenheit auch schwere Krankheit und dann Mademoiselle(Dank für das Wort)erfahren…. Verbündete suchen , Menschen die uns Kraft geben -nicht rauben. ich empfinde es auch als positiv sich darüber auszutauschen.Meine Einschränkungen haben mich gelehrt jeden Tag aufs NEUE. Liebe Grüße an CARO

  4. Keiner muss allein sein mit seinem Lebenspaket. Offenheit sorgt für Leichtigkeit und macht Mut. Ich danke für Dein Vertrauen zu mir, liebe Caro, dich diesem Portrait zu stellen 😉 und freu mich wie Bolle über dieses starke Feedback :-)

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*