Durch die Augen des anderen…

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Crescentia Dünßer Maske

Eigentlich hatte ich ihr ja ein neues Stück mit dem Titel „Milch und Honig“ gewünscht, das allerdings hätte ich erst schreiben müssen und dazu kam ich nicht. Deshalb: die Schauspielerin Crescentia Dünßer nun nach „Zorn“ ab dem 25. November 2016 in „Gift“ auf der Bühne des Theaters am Goetheplatz in Baden-Baden .

So schwerverdaulich der Titel klingen mag, die Probenarbeit sei von „wohltuender Leichtigkeit“ geprägt gewesen. Ihr Bühnenpartner ist Sebastian Mirow und – wie bei „Zorn“ – führt Otto Kukla Regie. „Das Miteinander fühlt sich frei und gut an“, erzählt Crescentia. „Wir wachsen an Herausforderungen.“ Seit über 30 Jahren sind Otto und sie ein symbiotisches Arbeitspaar. Lange waren sie es auch im privaten Leben, bis sie „im Wir irgendwo verschwanden und sich selbst nicht mehr spürten“.

„Gift“ ist übrigens eine Ehegeschichte. Eine Wiederbegegnung nach neun Jahren. Damals ist „Sie“ einfach gegangen, in ein anderes Land, in der Silvesternacht. „Er“ hatte über die Jahre zwar noch losen Kontakt zu ihrer Mutter, aber das Entscheidende hat diese ihm verschwiegen: dass „Sie“ in einer neuen Beziehung lebt. Der Friedhof, auf dem Er und Sie sich nun treffen, ist mit Gift verseucht. Deshalb sollen Gräber verlegt werden, darunter das Grab ihres gemeinsamen Kindes. Dessen Unfall-Tod haben sie beide nicht verwunden, so unterschiedlich ihre Leben sich nach der Trennung entwickelt haben: Ihr offenbar geglückter Neuanfang steht hart gegen seine Einsamkeit….“.

Die Thematik geht ans „Eingemachte“, doch: „In unserer Fassung des Stückes für Baden-Baden haben wir die Geschlechterrollen getauscht“, erzählt Crescentia. „So entstand in der Probenarbeit ein wie selbstverständlich sensibler Umgang mit eigenen und fremden Strategien von Traumabewältigung und es passierte eine vorsichtige Annäherung an immer noch gängige Klischees von Begriffen wie „Opfer“, „Trauerarbeit“ oder „Emotionalität“.“ Durch die Augen des anderen blicken….Spannende Konstellation, die auch den Blick auf die eigene Geschichte nachhaltig zu verändern und befrieden hilft.

Manchmal sehen sich Crescentia und Otto viele Wochen nicht. Bis die nächsten gemeinsamen Proben beginnen, die neuen Aufführungen auf dem Plan stehen. Und genau das, sieht sie mittlerweile als Gewinn. „Ich will lernen mein Glück von niemand anderem abhängig zu machen,“ erzählt sie mir im Januar. Als ich dieser bemerkenswerten Frau zum ersten Mal begegne, ist ihre eigene Trauer um die vermeintlich verlorene Liebe noch deutlich spürbar. Dennoch lässt sie sich auf mich und ein Portrait für „Glückundso“ ein. Es wird ein sehr persönliches, obwohl sie in der Öffentlichkeit steht. Sie versucht zu verstehen. Sich, Otto, ihr Zickzackleben, ihre Rollenmuster. Versucht ihren Zorn zu wandeln, dem Gift, das sich in die eigene Beziehung schlich, nachzuspüren, um ihren Frieden zu finden.

„Wir Theaterleute generieren uns als Spezialisten für Beziehungen von Menschen. Und vergessen uns oft selbst dabei.“ Doch durch die gemeinsame Probenarbeit und die künstlerische Annäherung an die Thematik scheint Aufarbeitung und Heilung durchaus möglich. „Gift“ – als Stück – und der damit verbundene Perspektivenwechsel haben gut getan. „Vielleicht bewährt sich unsere Liebe nach so langer Zeit gerade durch die Distanz und das bei sich selbst ankommen können. So kann sie eine neue Form gewinnen, die wir im alltäglichen Miteinander nicht mehr erfahren konnten.“

Zeit mag viele Wunden heilen. Doch durch den Mut, den eigenen Schmerz zu überwinden und die Bereitschaft einander immer wieder mit Verständnis und Zuneigung zu begegnen, kehrt Ruhe ein. Crescentia will Frieden schließen. Und sie stellt sich immer wieder neuen Herausforderungen: Jetzt auch in der Hospizarbeit mit Kindern und Jugendlichen in Berlin. Alles hat seine Zeit, auch die Trauer. Ist sie bewältigt, dürfen „Milch und Honig“ wieder fließen…

 

„Gift“ – Eine Ehegeschichte von Lot Vekemans, Regie und Bühne: Otto Kukla
Kostüme: Annie Lenk, Dramaturgie: Kekke Schmidt
Besetzung: Sie: Crescentia Dünßer, Er:  Sebastian Mirow

TERMINE im Theater am Goetheplatz in Baden-Baden:

Fr 25.11.2016, 20:00 Uhr
Sa 26.11.2016, 20:00 Uhr
Sa 10.12.2016, 20:00 Uhr
So 11.12.2016, 19:00 Uhr
Mi 28.12.2016, 20:00 Uhr
Mi 04.01.2017, 20:00 Uhr
Do 05.01.2017, 20:00 Uhr
So 08.01.2017, 15:00 Uhr
Fr 13.01.2017, 20:00 Uhr
Fr 20.01.2017, 20:00 Uhr

Weitere Termine folgen.

 

4 Kommentare zu Durch die Augen des anderen…

  1. Inge Vorspel-Hartard // 14. Februar 2016 um 16:43 // Antworten

    wunderschön !!!

  2. Toller Beitrag, habee es schon geteilt 😉
    Liebe Grüße
    Caro

  3. Chandra - Christine // 14. Februar 2016 um 23:28 // Antworten

    So feinfühlig und tiefsinnig ! Bei diesem Bericht habe ich das Gefühl “ SIE “ zu kennen ! Eine tolle Frau ! Danke liebe Gabi, Dein Gespür hat Dich mal wieder auf die richtige Fährte gelockt ! So einfühlsam und authentisch….Vielleicht sollte ich mal bei “ Glück und so “ einen Bericht über Dich schreiben !??? Das wäre mir eine Ehre !

  4. Ich danke euch <3

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